Linux-Kernel CVE-2026-98432: Kritische IPv4/TCP-Schwachstelle mit CVSS 9.8

Mit CVE-2026-98432 wurde eine kritische Schwachstelle im IPv4/TCP-Stack des Linux-Kernels veröffentlicht. Die Schwachstelle wird mit einem CVSS-v3.1-Basiswert von 9.8 bewertet und kann über Netzwerkverkehr ohne Authentifizierung ausgelöst werden. Betroffen sind zahlreiche Linux-Distributionen mit verwundbaren Kernel-Versionen, darunter Red Hat Enterprise Linux, OpenShift, Debian, Ubuntu und SUSE Linux Enterprise. Betreiber produktiver Linux-Infrastrukturen sollten verfügbare Sicherheitsupdates zeitnah bewerten und einplanen.

Technischer Hintergrund

Die Ursache liegt in einer Use-after-Free-Schwachstelle innerhalb des IPv4-Netzwerk-Subsystems des Linux-Kernels. Durch eine Race Condition bei der Verarbeitung von TCP-Verbindungsanfragen können Speicherbereiche für TCP-Optionen freigegeben werden, obwohl diese noch von anderen Prozessen oder CPU-Kernen verwendet werden. ​

Der Fehler tritt bei der Verarbeitung retransmittierter TCP-SYN-Anfragen sowie bei bestimmten Socket-Migrationspfaden auf. Die Korrektur ersetzt die bisherige Speicherfreigabe mittels kfree() durch eine RCU-basierte Freigabe (kfree_rcu()), um konkurrierende Zugriffe sicher zu behandeln. ​

Red Hat bewertet die Schwachstelle als kritisch und weist darauf hin, dass ein nicht authentifizierter Angreifer über regulären IPv4-TCP-Verkehr Kernel-Speicherkorruption oder einen Systemabsturz auslösen kann. ​

Auszug betroffener Linux-Distributionen und Versionen

Red Hat

Red Hat führt folgende Produkte offiziell als betroffen auf:

ProduktStatus
Red Hat Enterprise Linux 7Nicht betroffen
Red Hat Enterprise Linux 8Betroffen
Red Hat Enterprise Linux 9Betroffen
Red Hat Enterprise Linux 10Betroffen
Red Hat OpenShift Container Platform 4Betroffen
Red Hat OpenShift Container Platform 5Betroffen

Debian

Debian hat bereits Sicherheitsupdates veröffentlicht. [security-t…debian.org]

Debian-VersionBehobene Version
Debian 12 (Bookworm)6.1.190-1
Debian 13 (Trixie)6.12.113-1
Debian Sid (Unstable)7.2.10-1 oder neuer

Ubuntu

Ubuntu-VersionStatusGeplanter Fixstand
Ubuntu 26.10Verwundbar7.3.0-10.10 (Fix in Vorbereitung)
Ubuntu 26.04 LTSVerwundbar7.0.0-43.43 (Fix in Vorbereitung)
Ubuntu 24.04 LTSVerwundbar6.8.0-149.149 (Fix in Vorbereitung)
Ubuntu 22.04 LTSVerwundbar5.15.0-203.213 (Fix in Vorbereitung)
Ubuntu 20.04 LTSVerwundbarFix noch nicht veröffentlicht
Ubuntu 18.04 LTSVerwundbarFix noch nicht veröffentlicht
Ubuntu 16.04 LTSVerwundbarFix noch nicht veröffentlicht
Ubuntu 14.04 LTSNicht betroffen–

SUSE Linux Enterprise

SUSE führt CVE-2026-98432 in seiner Security-Datenbank und bewertet die Schwachstelle als relevant für ausgewählte Linux-Produkte. Betreiber von SUSE Linux Enterprise Server (SLES), SUSE Linux Enterprise Micro und openSUSE-Umgebungen sollten die offiziellen SUSE Security Advisories auf Betroffenheit, verfügbare Updates und produktspezifische Handlungsempfehlungen prüfen.

Auswirkungen und Risiko

Die Schwachstelle ist über das Netzwerk erreichbar und erfordert weder Authentifizierung noch Benutzerinteraktion. Der veröffentlichte CVSS-Vektor lautet:

CVSS:3.1/AV:N/AC:L/PR:N/UI:N/S:U/C:H/I:H/A:H ​

Red Hat beschreibt als primäre Auswirkungen:

  • Systemabstürze (Denial of Service)
  • Kernel-Speicherkorruption
  • Auslösung über regulären IPv4-TCP-Netzwerkverkehr möglich ​ 

Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung liegt keine offizielle Bestätigung einer aktiven Ausnutzung von CVE-2026-98432 vor. Die Schwachstelle wird derzeit nicht im Known Exploited Vulnerabilities (KEV) Catalog der US Cybersecurity and Infrastructure Security Agency (CISA) geführt. Auch die National Vulnerability Database (NVD) enthält bislang keine Hinweise auf bestätigte Angriffe in freier Wildbahn. [nvd.nist.gov]

Fixed Releases und Maßnahmen

Die Fehlerkorrektur wurde in folgende Linux-Stable-Zweige übernommen:

Kernel-ZweigFix enthalten ab
5.10.x5.10.272
5.15.x5.15.223
6.1.x6.1.190
6.6.x6.6.159
6.12.x6.12.113
6.18.x6.18.56
7.2.x7.2.10
7.3.x7.3

Red Hat empfiehlt die zeitnahe Installation der bereitgestellten Kernel-Updates. Als temporäre Risikoreduzierung beschreibt Red Hat zusätzlich das Filtern eingehender IPv4-Pakete mit IP-Optionen. Diese Maßnahme ersetzt jedoch kein Sicherheitsupdate. [access.redhat.com]

Handlungsempfehlungen

  1. Öffentlich erreichbare Linux-Systeme und TCP-Dienste identifizieren.
  2. Kernel-Versionen mit den veröffentlichten Fixständen und Hersteller-Advisories abgleichen.
  3. Verfügbare Sicherheitsupdates zeitnah testen und priorisiert einspielen.
  4. OpenShift-, Kubernetes-, Container- und Virtualisierungsplattformen besonders berücksichtigen.
  5. Kritische Infrastruktur wie Webserver, Reverse Proxys sowie DNS-, DHCP- und RADIUS-Dienste priorisieren.
  6. Nach Kernel-Updates einen Neustart durchführen und die aktive Kernel-Version verifizieren.
  7. Hersteller-Advisories von Red Hat, Debian, SUSE und Ubuntu auf neue Updates und Errata überwachen.

Fazit

CVE-2026-98432 gehört mit einem CVSS-v3.1-Basiswert von 9.8 zu den schwerwiegendsten aktuell veröffentlichten Linux-Kernel-Schwachstellen. Die Schwachstelle ist über IPv4/TCP-Netzwerkverkehr erreichbar und erfordert weder Authentifizierung noch Benutzerinteraktion. Dadurch ergibt sich ein breites potenzielles Angriffsfeld für Linux-basierte Server- und Infrastrukturplattformen.

Für Red Hat Enterprise Linux, OpenShift, Debian, Ubuntu und SUSE Linux Enterprise liegen inzwischen offizielle Herstellerinformationen beziehungsweise Sicherheitsbewertungen vor. Betreiber sollten die Betroffenheit ihrer Systeme anhand der jeweiligen Hersteller-Advisories prüfen und verfügbare Kernel-Updates entsprechend priorisieren. Besonders relevant ist dies für öffentlich erreichbare Server, Container-Plattformen sowie geschäftskritische Infrastruktur- und Netzwerkdienste.

Quellen

Von Bernd Greiner

Bernd ist Senior System Engineer für Network bei der Advanced UniByte GmbH in Metzingen. Schwerpunkte auf Cisco Campus Network und Network Access Control Lösungen

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